„Unser neuer Fitnesstracker!“ „In nur 12 Wochen fit für den Sommer!“ In letzter Zeit wird mir auf den gängigen Social Media Plattformen sehr viel Werbung ausgespielt, die mir suggeriert, ich könne und solle schneller, fitter, energetischer, strukturierter, leistungsfähiger werden. Sprich: Endlich für meine Selbstoptimierung etwas tun. Abgesehen davon, dass ich der lebende Beweis für die Fehlerhaftigkeit dieser Werbealgorithmen bin (weniger Zielgruppenfit geht gar nicht), frage ich mich, warum dieser Trend in der Pandemie noch mehr Fahrt aufnimmt.
Die Verkaufszahlen eines Startups für Hometrainer und Laufbänder mit passender Trainings-App brechen gerade alle Rekorde. Die Videos mit kleinen Kindern, die sich auf dem Laufband des Herstellers fies überschlagen, der amerikanischen Verbraucherschutzbehörde waren vielleicht ein kleiner Dämpfer.
Neulich im Mittagsfrühstückfernsehen wurde ein junger Mann interviewt, der sein ganzes Leben der Selbstoptimierung verschrieben hat. Morgens trinkt er Kaffee mit Kokosmilch und einer speziellen Geheimzutat aus dem Lifestyle Musthave Mixer. Seine handgeschriebenen Motivationskärtchen, auf denen er seine nächsten Ziele im „höher, schneller, weiter“ notiert hat, hält er stolz dem Journalisten und der Kamera entgegen.
Auf mich wirkte er ein bisschen wie ein kleiner Junge, der stolz sein neues Kartenquartett herzeigt. OK, ich muss zugeben: Seine Optimierungsbestrebungen haben ihm einen 1a Body verschafft. Da bin ich mit meiner Pandemie-Plauze zugegebenermaßen ziemlich neidisch.

Die Selbstoptimierung macht nicht mal vor der Liebe halt

Aber die Frage lässt mich dennoch nicht los. Was treibt Menschen in dieses Selbstoptimierungsrad?
Soziologen und Psychologen beschäftigen sich schon länger mit dieser Frage.
Schließlich sind es nicht einige wenige Exoten, sondern ziemlich viele Menschen in unserer Gesellschaft, die versuchen, sich immer weiter zu optimieren.
Functional-Food, Fitness-Tracker, Neuro-Enhancement und sogar Smart-Condom, alles natürlich mit verknüpfter App. Wo es etwas zu messen gibt, da wird gemessen und verglichen. Kein Lebensbereich wird ausgelassen auf der Suche nach Verbesserungspotenzial
In meiner schmutzigen Phantasie spielen sich dann Szenen ab wie: Urbanes Szeneviertel, angesagte Bar: Ein paar Hipster mit Bärtchen und Moscow Mule stehen testosterongeschwellt zusammen und vergleichen die Performance-Daten ihres Smart-Condoms vom Stelldichein mit dem letzten Tinder-Date.
Sozusagen das digitale Äquivalent zu „Wer hat den größten…?“
Die Pandemie möge uns davor bewahren, dass das Realität wird. Oder ist es schon passiert? Hier in den Bergen kriege ich ja nichts mehr mit.

Im Netz ist die Konkurrenz allgegenwärtig

Das Ganze kann man lustig finden, aber ich fürchte, es hat einen Hintergrund, der weniger zum Lachen ist.
These: Es ist eine Reaktion auf unsere schöne neue neoliberale Wirtschaftswelt. Die mit der Pandemie einhergehende Unsicherheit verstärkt den Effekt.
Der Abbau sozialer Sicherungssysteme, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und die ständig steigenden Anforderungen im Job gehen an den Menschen nicht spurlos vorüber.
Körper, Verstand und die Liebe werden zu Beobachtungsobjekten. Anstelle sie dankbar anzunehmen und zu schätzen, werden sie zum persönlichen Performance-Projekt.
Die kostbare Freizeit wird dem Erhalt bzw. der Steigerung der Konkurrenzfähigkeit gewidmet. Wenn man im Lockdown sonst schon nicht so viel Selbstwirksamkeit erfahren kann, dann doch wenigstens dort: In der Kontrolle über mich selbst.
Durch die digitale Vernetzung in den sozialen Medien wird der permanente Wettbewerb allgegenwärtig und zum Konkurrenzdruck. Jeden Morgen sehe ich ungefragt die Fitnessdaten der früh morgendlichen Joggingrunde eines Facebookfreundes . Solche Freunde hat wohl fast jede*r. Das Leben der anderen auf instagram, facebook und tiktok ist toll. Sie sind aktiv und leistungsfähig und ich sitze gerade beim Frühstück. Mit Marmeladetoast….
In unserer Gesellschaft findet eine Verschiebung der Verantwortung auf die individuelle Ebene, die einzelne Person statt.
Wenn Du es nicht schaffst, bist Du allein und selbst schuld.
Die zunehmend besser erforschten Wechselwirkungen zwischen Seele und Körper werden von nicht wenigen dahin gedeutet, dass Menschen auch für schwere Erkrankungen wie Krebs selbst verantwortlich gemacht werden. Man hätte halt mehr an seinem positiven Mindset arbeiten müssen.
Das Leben in dieser Leistungsgesellschaft macht vielen Angst vor sozialem Abstieg und die Selbstoptimierung ist ein Versuch, einer tiefliegenden Verunsicherung zu begegnen. Hartmut Rosa beschreibt das in seiner großen soziologischen Abhandlung über „Resonanz“ mit einer eingängigen Berganalogie: Während wir früher wussten, wenn wir uns ein wenig bemühen, dann kommen wir diesen Hügel da hinauf – wir steigen auf. Heute jedoch ähnelt das Lebensgefühl vieler eher einem Trailrun auf abrutschenden Hängen. Ich muss nicht nur bergauf gehen, sondern rennen, um auf diesen sich schnell nach unten bewegenden Hängen nicht mit in den Abgrund gerissen zu werden. Von Aufstieg keine Spur: Lauf um Dein Leben!
Das Gefühl, dem nicht gewachsen, schlicht nicht genug zu sein, macht sich bei vielen breit.

Es geht auch anders

Zum Glück gibt es auch gegenläufige Entwicklungen.
Die Idee der Gemeinwohlökonomie findet immer mehr Unterstützer. Das Narrativ des permanenten Wirtschaftswachstums als Garant für Wohlstand und Glück wird immer mehr hinterfragt.
Auf der individuellen Ebene entdecken viele Menschen die Bedeutung von Spiritualität in Ihrem Leben neu.
Dass Spiritualität ein wichtiger Resilienzfaktor ist und einer zunehmenden Beschleunigung entgegenwirkt, ist inzwischen gut erforscht.
Der berühmte Neurologe und Psychiater Viktor Frankl (link) hat es so wunderbar auf den Punkt gebracht: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jede Wie“.
Falls Du auch eine Pause vom Hamsterrad brauchst und Dir spirituelle Ressourcen erschließen möchtest, hätte ich eine Idee. 😊
Bleib gesund!

 

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