Schon als Kind im Vorschulalter habe ich es geliebt, mit meiner Oma in den Wald zu gehen. Sie kannte einen besonderen Platz, an dem eine kleine Quelle entsprang. Für mich war das wie ein kleines Wunder, dass da einfach so Wasser aus dem Boden kommt. Rückwirkend betrachtet, war dieser Ort für mich der Inbegriff von Ruhe und Geborgenheit. Eine Ressource, die ich als Kind nicht im Überfluss hatte.
Möglicherweise fasziniert mich die naturverbundene Philosophie indigener Kulturen deshalb schon so lange.
Indigene sehen in Bäumen ihre Ahnen und Lehrer.
Wie groß die Gemeinsamkeiten zwischen Menschen und Bäumen tatsächlich sind, dazu hat die Wissenschaft zuletzt spektakuläre Erkenntnisse gewonnen.
Wenn man den Bogen etwas weiter spannt, gehören Bäume zu unseren ältesten Vorfahren. Denn unsere Ahnenreihe begann mit einfachen Bakterien und nicht erst den Menschenaffen.

Pflanzen kooperieren

Als die Pflanzen begannen, das Land zu besiedeln, passierte etwas sehr Spannendes. Sie gingen Partnerschaften mit Pilzen ein. Sie tauschen mit ihnen durch Photosynthese erzeugte Kohlenhydrate gegen Nährstoffe ein, die ihr Wachstum fördern.
Bäume haben im Laufe ihrer Entwicklung diese Prozesse immer weiter perfektioniert. Die Wurzeln alter Bäume sind mit hunderten verschiedenen Pilzen besiedelt.
Mit deren Pilzfäden verbinden sie sich mit anderen Bäumen und bilden so große Netzwerke. Über Botenstoffe tauschen sie miteinander Informationen aus, um z.B. ihre Abwehrchemie gegen Insektenbefall zu aktivieren.
Wissenschaftler haben in den Primärwäldern Nordamerikas diese Netzwerke erforscht. Dabei haben sie herausgefunden, dass die unterirdischen Pilznetzwerke im Aussehen menschlichen Gehirnen ähneln. Sogar in der Funktionsweise gibt es erstaunliche Parallelen.
Dort wo Pilz und Wurzel in einer Symbiose aufeinandertreffen, springen chemische Botenstoffe über einen Spalt, wie bei einer Synapse.
Die chemischen Verbindungen, die in den Netzwerken zwischen dem Wurzelgeflecht der Bäume und den Pilzfäden ausgetauscht werden, agieren wie Neurotransmitter.
Diese Kommunikation geschieht sogar Baumartenübergreifend. So bilden sie komplexe Gesellschaften mit komplizierten, dynamischen Beziehungen.
Die Forschung steht hier erst am Anfang. Klar ist schon jetzt, dass die Kommunikation ähnlich komplex ist wie menschliche Sprache.
Einige Wissenschaftler sehen hier bereits die greifbare Struktur von Intelligenz.
Die Natur hat dieses System im Wald entwickelt und erprobt und, weil es sich bewährt hat und funktioniert, im Menschen erneut genutzt und verbessert.
Nur unsere Hybris hält uns davon ab, dass zu sehen.
Insofern finde ich nichts Komisches daran, zu Bäumen eine besondere Beziehung zu haben und sie, wie die Indigenen Amerikas, als Lehrer zu betrachten.

Was können uns Bäume lehren?

Der berühmte Naturphilosoph Ralph Waldo Emerson schrieb: „Horchet, was die Seidenkiefer sagt.“
Ihre Nadeln wachsen in Fünfergruppen. Die Haudenosaunee oder Irokesen wählten sie deshalb zu ihrem Baum des Friedens, ihrem Wahrzeichen, weil ihre Konföderation aus fünf Stämmen bestand.
Fünf können zu einer Einheit werden. Zu etwas starkem Wunderbarem. Dem Baum des Friedens.
Wenn wir Bäume als Geschichtenerzähler begreifen, erhalten wir Zugang zu einer beseelten Natur. Sie ist eine Gemeinschaft von Wesen die niemandem gehören.
Ich finde diese Vorstellung wesentlich sympathischer und sinnstiftender als die in unserer Kultur vorherrschende Sichtweise: Natur ist etwas, woraus man sich bedienen kann, ohne zu geben.
Wir können einen alten, artenreicher Wald auch als Analogie für eine entwickelte komplexe Gesellschaft betrachten. Der Beitrag jedes einzelnen hat die gleiche Wichtigkeit, weil er zum Erhalt des gesamten Systems beiträgt.
In dieser Tradition steht auch die Arbeit mit dem Medizinrad: Der Wald ist Dein Lehrer.
Einen ersten Einstieg ohne Vorkenntnisse kannst Du mit der Baummeditation machen.
Zu diesem Blogbeitrag hat mich diese Doku auf Arte inspiriert. Sie ist noch bis  31. Oktober 2021 in der Mediathek abrufbar und wirklich sehenswert.

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