Ich habe neulich über eine merkwürdige Eigenschaft unserer Gesellschaft nachgedacht: Wir können offenbar kaum noch etwas tun, ohne dass es einen Nutzen haben muss.

Wir treiben Sport für unsere Gesundheit, meditieren für unsere innere Balance und gehen in den Wald, um unseren Stresspegel zu senken.

Der arme Wald. Jetzt ist er auch noch für unsere psychische Gesundheit zuständig.

Und selbst wenn wir einmal nichts tun, nennen wir es lieber „Regeneration“. Das klingt wenigstens so, als würden wir uns auf die nächste produktive Phase vorbereiten.

Wann ist uns eigentlich das zweckfreie Leben abhandengekommen?

Vor einiger Zeit bin ich auf einen Artikel von Otmar Tibes gestoßen. Sein Titel: „Wer nicht produktiv ist, gehört nicht dazu.“

Darin beschreibt er, wie tief die Vorstellung in unserer Gesellschaft verwurzelt ist, dass Leistung nicht nur wirtschaftlichen Erfolg begründet, sondern auch darüber entscheidet, wie viel Anerkennung ein Mensch verdient.

Die Idee ist nicht neu. Schon der Philosoph John Locke betrachtete produktive Arbeit als wesentliche Grundlage legitimen Eigentums. Land, das nicht nach europäischen Vorstellungen bewirtschaftet wurde, galt als unzureichend genutzt. Eine Denkweise, die später auch zur Rechtfertigung kolonialer Landaneignung herangezogen werden konnte.

Diese Vorstellung wirkt bis heute nach. Wir bewerten Menschen danach, was sie leisten, und haben diese Maßstäbe längst auch auf uns selbst übertragen.

Dabei ist es ja durchaus schön, etwas zu leisten.

Ich kenne dieses wunderbare Gefühl, wenn eine Idee Gestalt annimmt, wenn etwas gelingt oder man nach einem langen Arbeitstag zufrieden auf das Geschaffene schaut.

Schwierig wird es dort, wo aus der Freude am Tun eine innere Verpflichtung wird. Wo wir uns selbst kaum noch zugestehen, einfach einmal nichts zu schaffen.

Und wo wir anfangen, sogar unsere persönliche Entwicklung nach Leistungskriterien zu organisieren.

Da möchten wir achtsamer werden, gelassener, authentischer, bewusster. Möglichst alles gleichzeitig. Und wenn wir nach drei Wochen Meditation immer noch genervt sind, weil der Nachbar sonntags seinen Laubbläser anwirft, haben wir offenbar noch nicht genug an uns gearbeitet.

Dabei steckt darin ein merkwürdiger Widerspruch.

Wir arbeiten hart an uns, damit wir irgendwann endlich so sein dürfen, wie wir sind.

Mich beschäftigt diese Frage auch bei der Weiterentwicklung des Rades der inneren Führung.

Wie können wir unterscheiden zwischen dem, was tatsächlich aus uns selbst heraus entstehen möchte, und dem, was wir tun, weil wir glauben, bestimmten Erwartungen entsprechen zu müssen?

Denn auch persönliche Entwicklung kann unbemerkt zu einer weiteren Aufgabe auf unserer ohnehin schon überfüllten To-do-Liste werden.

Dabei verstehe ich innere Führung nicht als einen Zustand, den wir irgendwann erreichen müssen. Eher als eine Beziehung zu uns selbst, die sich im Laufe unseres Lebens immer wieder verändert.

Und manchmal gehört dazu vielleicht auch, die eigenen Ansprüche ein wenig freundlicher zu betrachten.

Das gelingt mir übrigens nicht immer. Auch bei der Neugestaltung des RiF gibt es Momente, in denen ich ungeduldig auf den Kalender schaue.

Die Theorie ist eben manchmal schon weiter als der Praktiker.

Und dann gehe ich raus.

Nicht unbedingt, um eine besonders tiefgründige Naturerfahrung zu machen. Manchmal einfach, weil mir am Schreibtisch die Decke auf den Kopf fällt.

Draußen interessiert sich erfreulicherweise niemand dafür, wie viele Punkte ich heute auf meiner Liste abgehakt habe.

Ein alter Baum steht am Wegrand. Zwei Krähen sitzen ein Stück weiter oben in den Ästen, beobachten aufmerksam ihre Umgebung und scheinen sich über irgendetwas auszutauschen. Im Laub raschelt es, und zwischen den Bäumen fällt das Licht auf den Waldboden.

Für eine Weile bin ich einfach nur da und schaue zu.

Vielleicht ist es genau das, was mir an solchen Momenten gefällt: Ich muss nichts darstellen, nichts verbessern und nichts erreichen.

Wobei ich zugeben muss, dass ich manchmal schon auf dem Rückweg darüber nachdenke, ob sich aus dem Spaziergang nicht ein guter Newsletter machen ließe.

So viel zum Thema zweckfreies Leben.


Inspiriert durch den Artikel „Wer nicht produktiv ist, gehört nicht dazu“ von Otmar Tibes, Politik & Ökonomie Blog, Dezember 2025.