Neulich hat mich die Realität eingeholt. Ich musste mir eingestehen, dass ich dringend etwas für mich tun musste. Fitness und Gemüt hingen nach den monatelangen Coronabeschränkungen durch und so beschloss ich einen nahegelegenen kleinen Berg hinauf zu wandern . Bewegung in der Natur funktioniert meistens ganz gut für mich. Der größere Teil des Weges verlief über anspruchslose Forstwege. Das habe ich für eine Bewusstseinsübung genutzt und auch dieses Mal habe ich wieder etwas Neues über mich gelernt. Was das ist, verrate ich gleich. Ich nenne die Übung den weichen Blick.
Wir sind die meiste Zeit fokussiert
Sie ist das genaue Gegenteil von dem, was wir die meiste Zeit tun, nämlich auf irgendetwas fokussiert sein. Wenn wir uns durch den Tag bewegen, springt unser Blick von einem Objekt zum nächsten. Immer ist er auf etwas konzentriert. Mit unserem Denken verhält es sich ebenso. Ein Gedanke folgt dem nächsten. Menschen, die auf Nachfrage vorgeben gerade an nichts zu denken, sind selten ehrlich. Dazu kommt, dass unser Denken selten auf die Gegenwart gerichtet ist. Viel öfter hängen wir Vergangenem nach oder planen für die Zukunft.
Als meine Kinder noch klein waren, habe ich sie gerne beim Spielen beobachtet. Diese absolute Präsenz im Augenblick habe ich immer bewundert.
Der weiche Blick bringt uns genau das. Was dafür zu tun ist?

So geht der weiche Blick

Suchen Sie sich einen Weg in der freien Natur, auf dem sie nicht so genau auf Ihre Schritte achten müssen. Er sollte frei von unvorhersehbaren Hindernissen sein. Ein Forstweg im Wald mit möglichst wenig Menschen ist ideal. Beim Gehen parken Sie ihren Blick auf einem imaginären Punkt ca. 10 – 15 Meter vor Ihnen. Aber betrachten Sie nichts, was Sie dort sehen. Fokussieren Sie nicht, sondern lassen Sie Ihren Blick von diesem Punkt aus ins Leere laufen. Beziehen Sie so Ihr gesamtes Blickfeld in Ihre Aufmerksamkeit mit ein.
Das ist die erste Stufe dieser Übung: Gehen ohne den Blick zu fokussieren und dabei das ganze 180 Grad Blickfeld wahrnehmen.
Üben Sie das eine Weile. Sie werden feststellen, dass Ihr Blick trotz aller Bemühungen immer wieder an verschiedenen Dingen hängen bleiben wird. Lassen Sie sich davon nicht beirren und beginnen Sie einfach wieder von Neuem. Lösen Sie die Bindung und erfassen Sie wieder das gesamte Blickfeld.

Der weiche Blick ist eine Achtsamkeitsübung

Sobald Sie darin etwas Übung haben, können Sie diese achtsame Wahrnehmung des Moments auf weitere Sinne ausdehnen. Spüren Sie zum Beispiel Ihren Schritten nach, der Art und Weise, wie ihr Körper mit Ihrem Tun und mit der Umwelt interagiert. Anspannung, Kraft, Erschöpfung, Befindlichkeiten – alles, was in diesem Moment ist, darf sein. Nehmen Sie die Gerüche wahr, die Sie umgeben. Oder betrachten Sie Ihre Gedankenwelt mit ebenjener gleich-gültigen Wahrnehmung von Ideen, Fragen, Erinnerungen und Aufgaben, die kommen, da sind, gehen.
Die Herausforderung besteht darin, sich dabei in absoluter Gleichgültigkeit zu üben. Nichts davon bekommt besondere Aufmerksamkeit, jede Wahrnehmung, jedes Gefühl, jeder Gedanke ist gleich gültig.
Es wird einige Zeit und Übung brauchen, bis Ihnen das gelingt und dieser Aufwand wird sich für Sie lohnen.
Sie werden die Natur intensiver erleben und sich nachhaltiger erholen und hin und wieder etwas Neues an sich entdecken.

Was ich dabei herausgefunden habe

Ich habe z.B. beobachtet, dass sich meine Art zu gehen während der Übung verändert hat. Zu Beginn habe ich auf dem abschüssigen Forstweg viel Kraft in die Kontrolle meiner Gehgeschwindigkeit gesteckt. Meine Wanderstöcke habe ich eher zum Bremsen genutzt.
In der Übung konnte ich mir dabei zusehen, wie meine Schritte kraftvoller wurden und ich meine Wanderstöcke zum Anschieben verwendete. Ich fühlte mich stark und kraftvoll und war voller Zuversicht. Dieses Gefühl hat mich noch einige Tage begleitet und ich kann es mir vergegenwärtigen, wenn es mir guttut.
Probieren Sie es aus und hinterlassen Sie gerne einen Kommentar mit Ihren Erfahrungen unter diesem Artikel. Ich freue mich über Ihre Rückmeldungen, wie es Ihnen mit dem weichen Blick ergeht.

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